Mariama Hiestand-Saho: Engagement mit Herzblut im Heimatland und in der Schweiz

Mariama Hiestand-Saho

Mariama Hiestand-Saho ist Physiotherapeutin und Multiplikatorin beim Netzwerk gegen Mädchenbeschneidung Schweiz. Sie stammt aus Gambia, ist Mutter von zwei Töchtern und selbst von FGM/C betroffen. Ihr Spezialgebiet ist die Beckenbodenphysiotherapie, die in der Behandlung von FGM/C-Betroffenen sehr positive Effekte erzielen kann.

Mariama engagiert sich nicht nur hierzulande für FGM/C-Betroffene, sondern auch in ihrer Heimat Gambia, wo 75 % aller Mädchen und Frauen beschnitten sind. Mit einem eigenen Projekt kämpft sie gegen die verbreitete Praxis.

Simone Giger vom Netzwerk gegen Mädchenbeschneidung Schweiz sprach mit ihr über ihre Motivation und ihr Engagement in Gambia.

SG: Mariama, Du bist eben erst aus Gambia zurückgekehrt. Was war der Grund und das Ziel Deiner Reise?

MH: Der Zweck meiner Reise war es, einige Gynäkolog*innen zu treffen, um über Beckenbodenphysiotherapie für ihre Patientinnen zu sprechen und Tabuthemen wie FGM/C sowie den Zusammenhang mit Beckenbodenfunktionsstörungen und schmerzhaftem Geschlechtsverkehr anzusprechen. Mein Ziel war es, dafür zu sensibilisieren, dass betroffene Frauen Behandlung und Unterstützung erhalten können.

SG: Du setzt Dich in Gambia seit vielen Jahren für FGM/C-Betroffene ein. Wie sieht Dein Engagement konkret aus?

MH: Als Physiotherapeutin leite ich in Gambia die Penmar Physiotherapy and Rehabilitation Clinic, die 2019 gegründet wurde. Im Laufe der Jahre wurde mir bewusst, dass Frauengesundheit in unserem Gesundheitssystem unterrepräsentiert ist – besonders im Bereich der Beckenbodengesundheit. Da FGM/C für mich persönlich ein wichtiges Thema ist, erkannte ich, dass viele betroffene Frauen von entsprechenden Angeboten profitieren könnten.

Ich habe in der Klinik zwei Physiotherapeut*innen in Beckenbodenphysiotherapie ausgebildet; sie sind bis heute die einzigen Fachpersonen im Land mit einer Ausbildung in diesem Bereich. Wir fördern die Frauengesundheit durch Behandlungen, Patientinnenaufklärung und die Sensibilisierung von Frauen sowie Gesundheitspersonal. Darüber hinaus arbeite ich mit NGOs und Organisationen zusammen, die mit FGM/C-Überlebenden und im Bereich geschlechtsspezifischer Gewalt tätig sind. Im vergangenen Dezember führte ich zudem eine Schulung für Sozialarbeiter*innen über die Auswirkungen von FGM/C auf den Beckenboden durch.

SG: Siehst Du in Gambia bereits positive Entwicklungen durch Deine Arbeit?

MH: Ja. Die Frauen, die wir behandelt haben, sind sehr dankbar für einen sicheren Raum, in dem sie offen über ihre Beschwerden sprechen können. Zu wissen, dass es mögliche Lösungen gibt, ist für viele eine grosse Erleichterung. Auch von Seiten der Ärzt*innen habe ich ausschliesslich positives Feedback erhalten, weil wir nun Beckenbodenphysiotherapie für ihre Patientinnen anbieten können.

SG: Aufgrund Deiner persönlichen Geschichte und Deines spezialisierten Wissens scheinst Du geradezu prädestiniert, als Physiotherapeutin in der Schweiz Betroffene von weiblicher Genitalbeschneidung zu behandeln. Was ist in der Behandlung von Betroffenen von FGM/C Deiner Ansicht nach besonders wichtig?

MH: Das Wichtigste ist, den Frauen zuzuhören und ihre Geschichten ernst zu nehmen. Nach einer ausführlichen Anamnese besprechen wir ihre Beschwerden individuell. Viele Frauen wissen wenig über die Funktion des Beckenbodens oder die Anatomie des weiblichen Körpers. Anatomische Modelle helfen ihnen, ihren Körper besser kennenzulernen. Gemeinsam versuchen wir zu verstehen, wie ihre Beschwerden mit der Beckenbodenmuskulatur zusammenhängen könnten, und besprechen mögliche Behandlungsmethoden.

SG: Zudem bietest Du Begleitung für Betroffene an, die eine Klitorisrekonstruktion in Erwägung ziehen. 

MH: Ja. Es ist mir wichtig, meine eigenen Erfahrungen sowie meinen Weg der Klitorisrekonstruktion zu teilen, um Frauen bei einer informierten Entscheidung zu unterstützen.

SG: Beeinflusst Deine Arbeit in der Schweiz diejenige in Gambia und umgekehrt?

MH: Ja, auf jeden Fall. Die Zusammenarbeit mit FGM/C-Überlebenden in der Schweiz zeigt mir, wie Frauen mit professioneller Unterstützung ihren Körper besser kennenlernen und den Zusammenhang zwischen ihren Beschwerden und FGM/C verstehen können. Diese Erfahrungen lasse ich in meine Arbeit in Gambia einfliessen und versuche dort, ähnliche Strukturen für Aufklärung und Unterstützung aufzubauen. Umgekehrt hilft mir meine Arbeit in Gambia, die kulturellen Hintergründe, Werte und Tabus rund um FGM/C besser zu verstehen. Dieses Wissen unterstützt mich dabei, das Thema auch in der Schweiz sensibel und respektvoll mit betroffenen Frauen anzusprechen und sie besser zu begleiten.

 

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